Rezession zu „Die selbstwirksame Organisation – Das Playbook für intelligente Kollaboration (Zusammenfassung)

Einleitung

Knapp zwei Jahre nach dem Buch „Chef sein? Lieber was bewegen! – Warum wir keine Führungskräfte mehr brauchen.“ legt Gebhard Borck sein nächstes Werk vor. Dieses Mal auf vielfachen Wunsch (auch von mir) ein Buch, das die Leser:innen in die Lage versetzt, in der eigenen Organisation selbstwirksam zu werden.

Diesen Wunsch, das geballte Wissen von Gebhard Borck rund um das Denkwerkzeug Firmen DNA und Betriebskatalyse nachvollziehbar vorzulegen, trage ich seit den ersten Tagen unseres Kennenlernens an Gebhard heran.

Exkurs: Gebhard begleitet mich seit 2017 und unsere Firma seit 2018 beim Aufbau einer formalhierarchie-freien Organisation oder positiv formuliert: hin zu einer selbstwirksamen Organisation. Schon in den ersten Tagen und spätestens nach meiner Teilnahme an der unternehmerischen Perspektivreise, platzierte ich bei Gebhard den Wunsch, dass er uns eine Art Lehrbuch schreibt, damit sein Wissen systematisch und didaktisch aufbereitet zugänglich ist.

Und nun liegt dieses Werk endlich vor. Mit ein paar kleinen Umwegen kam es druckfrisch als PDF in Süditalien an und wurde dort direkt von mir seziert. Meine Erwartungen waren übergroß.

Nach meinem Wissen ist es Gebhards erstes „Lehrbuch“ und jeder der Gebhard kennt weiß, dass es eine globale Pandemie braucht, damit er sich neun Wochen hinsetzt und mal kurz 300 Seiten schreibt. Einfach so.

So ist es ein wundervolles Werk und ein weiterer (erster?) wichtiger Schritt in die didaktische Aufbereitung und Systematisierung der Grundlagen für eine Betriebswirtschaftslehre mit Menschen.

Aufbau und Inhalt des Buches

Gebhard legt ein spielerisches Buch (Playbook) vor. Das Format des Playbooks war mir zuvor kaum geläufig. Wenn ich es richtig verstehe, ist es eine Art Spielanleitung und entstammt der amerikanischen Sportliteratur.

Zu Beginn können Leser:innen in einer Selbsteinschätzung feststellen, welche Episode für sie der richtige Startpunkt wäre. Gebhard bietet welche für Einsteiger:innen, Fortgeschrittene und Profis. Ich persönlich empfehle auch den vermeintlichen Profis bei der 1. Episode anzufangen.

Episode 1: Grundlagen

In Kapitel 1 der Episode 1 legt Gebhard die Grundlagen für drei (gar nicht so fiktive) Unternehmenswelten. Jede darf für sich als Blaupause (System) für den Umgang von Menschen miteinander in Unternehmen herhalten:

  • Pippi – die Welt der klassischen Lehre der Betriebswirtschaft
  • Die Zombie-Apokalypse – die Welt der verwöhnten Belegschaften
  • Raworths Donut – die Welt, in der Erwachsene zusammen Firmen betreiben

Bereits hier strapaziert und provoziert Gebhard direkt zu Beginn den (halben) Wirtschaftswissenschaftler in mir: Darf man ein so wichtiges Thema auf solchen Bildern aufbauen? Pippi Langstrumpf? Zombie-Apokalypse? Donut?

Mein erste Antwort war: Eher nein. Damit macht man es Kritiker:innen zu einfach, das Ganze als weitere Spielerei abzutun. Ich weiß nicht, ob es dem Format „Playbook“ geschuldet ist, ob Gebhard die Spreu vom Weizen der Leserschaft direkt trennen will oder ob wir es als ersten Schritt zur Systematisierung dieser betriebswirtschaftlichen Innovation bzw. Revolution sehen sollen. Kurzum: ich hab mich für Letzteres entschieden.

Mein Wunsch wäre es, dass wir im nächsten Buch bildungstauglichere Begriffe für diese drei System finden. Ein erster, bescheidener Vorschlag meinerseits wäre:

  • Formalhierarchische Organisation in Taylors Welt
    Historische Betriebswirtschaft mit strengen, formalen Hierarchien, welche sich an dem so genannten Scientific Management (das auf FW Taylor zurückgeht) orientiert.
    (Pippi – die Welt der klassischen Lehre der Betriebswirtschaft)
  • Scheinselbstgesteuerte Organisation in Huxelys Welt
    Schöne neue Arbeitswelt, welche die gesellschaftliche Dystopie von A. Huxley überführt in eine Betriebswirtschaft der Scheinfreiheit der einzelnen Mitarbeitenden.
    (Die Zombie-Apokalypse – die Welt der verwöhnten Belegschaften)
  • Selbstwirksame Organisation in Raworths Welt
    Ökosoziale Betriebswirtschaft mit Menschen, welche sich an einer den Menschen dienlichen Idee von Wirtschaften mit der Akzeptanz von Grenzen des Wachstums orientiert.
    (Raworths Donut – die Welt, in der Erwachsene zusammen Firmen betreiben)

Wem dieser spielerische Zugang taugt oder wer, so wie ich, seine eher abstrakteren Bilder gefunden hat, kann sich mit diesen drei Systemen sehr anschaulich (ichverzichte bewusst auf das Wortspiel „spielend“) das Wissen des Buches aneignen.

Im folgenden Kapitel 2 geht Gebhard im Detail und dennoch immer kurzweilig auf die Grundlagen der drei System ein. So stellt er z.B. dar, wie Sinn, Respekt, Geist und Multitasking sich in den jeweiligen Systemen ausprägen.

Exkurs: Das Thema „Sinn“ stellt meines Erachtens einen sehr zentralen Baustein in einer Betriebswirtschaft mit Menschen dar. Gebhard sei Dank durfte ich die Ansätze von Viktor Frankl (https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Frankl) kennen und schätzen lernen. Sie stellen die Grundlage für dieses Sinnverständnis dar. Gebhard bringt es im weiteren Verlauf des Buches auf den Punkt: „Von Viktor Frankl lernte ich, dass ich wohl ebenso wenig direkten Einfluss auf die Menschen selbst habe, wie auf ihre Empfindung eines individuellen Sinns.“ (Seite 116)

Es folgen in Kapitel 3 weitere Grundlagen zum Umgang mit „unverhofften Ereignissen“ (mit Verweis auf Nassim Taleb, https://de.wikipedia.org/wiki/Nassim_Nicholas_Taleb , zu Zeitpräferenz, Unsicherheit und Risiko.

Alle Themen werden jeweils in allen drei Systemen skizziert und helfen die feinen Unterschiede mehr und mehr zu verinnerlichen.

In Kapitel 4 geht Gebhard auf das Thema der Aufbauorganisation ein.

Exkurs: Ich selbst tue mich mit dem Begriff Aufbauorganisation weiterhin schwer, da er Hierarchie impliziert. Allerdings habe ich auch keinen besseren allgemeinen Begriff parat. Vielleicht würde es helfen von Aufbau- und Ablauforganisation zu sprechen.

Gebhard führt an dieser Stelle die Begriffe zentralisierte, dezentralisierte und verteilte Organisation ein. Er stellt dar, wie sich idealtypische Organisationen verhalten und überträgt das auf die drei Systeme.

Es folgt eine Einführung oder besser Beweisführung, dass „Massenveranstaltungen“ in Form von Großgruppenentscheidungen möglich, wenn nicht für selbstwirksame Organisationen sogar nötig sind. Weiter werden die Konzepte „Konsequenz“ (bei Entscheidungen), „Unterscheiden“ von Ebenen der Entscheidung, „Führung“ und „Wandelmutig“ vorgestellt.

Im, die Episode 1 des Buchs abschließenden, Kapitel 5 beschreibt Gebhard das Ziel des Spiels: „Das Ziel der Firma – jenseits aller Geschäftsmodelle und so weiter – ist, […] Antifragilität zu erreichen. Das bedeutet, anstatt etwas klar Messbares anzustreben, versuchen wir, einen ebenso gut bestimmbaren Zustand zu vermeiden: Anfälligkeit.“ (Seite 86).

Weiterführende Artikel zu diesem Buch: